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Das neue Gut «Freizeit».

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Unter dem Einfluss der Industrialisierung entstand das neue Gut «Freizeit» (arbeitsfreie Zeit). Dieses führte im 19. Jahrhundert zur Bildung verschiedener Sport-, Schützen- und Reitvereine.

Grund für viele Vereinsgründungen war die allgemeine Wehrpflicht, die mit der Gründung des Bundesstaates von 1848 eingeführt wurde. Das Milizsystem verlangte von den Wehrpflichtigen, sich fit zu halten, um jederzeit einsatzbereit zu sein. Dabei nahmen die Reit- und Turnvereine eine wichtige Aufgabe wahr.

Reitverein Zürcher Oberland

1889 wurde in Wald der Reitverein Zürcher Oberland gegründet. Dieser setzte sich vorwiegend aus gut situierten Bürgern und Angehörigen der berittenen Truppen der Armee zusammen, welche am Ende der Rekrutenschule vom Bund ein Pferd erwerben, und mit diesem den weiteren Militärdienst absolvieren konnten. Bis in die 1960er-Jahre stand eine Mitgliedschaft von Frauen ausser Diskussion. Erst mit der Abschaffung der Kavallerie 1972 entwickelte sich auch die Sport- und Freizeitreiterei zu einem beliebten Breitensport.

Zu Übungszwecken mussten geeignete Reitplätze geschaffen werden (1882 Reithalle in Turbenthal; 1898 Rüti; 1927 Wetzikon). Uster wurde mit der Einweihung der Zeughäuser 1938 zu einem der bedeutendsten Truppensammelplätze der Ostschweiz. Die Gemeinde erwarb deshalb die Tierausstellungs-Halle der Landesausstellung («Landi») von 1939.

Turnvereine

In der Schweiz war auch die Turnkultur bis ins 20. Jahrhundert eng mit dem Militär verbunden. 1874 wurde der obligatorische Turnunterricht für Knaben als Vorbereitung auf die Rekrutenschule eingeführt. Erste Damenturnvereine wurden im Zürcher Oberland bereits um die Jahrhundertwende gegründet. Der gesellschaftliche Aspekt scheint für viele weit wichtiger gewesen zu sein als das Turnen an sich – beispielsweise wurden unter Turnern viele Ehen geschlossen. Die Frauen durften jedoch bis 1966 an keinen Wettkämpfen teilnehmen, da diese als unweiblich galten. Auch die Frage des öffentlichen Auftretens von Turnerinnen gab zu heftigen Diskussionen Anlass.

Die Geschichte des Turnvereins Aathal-Seegräben zeigt exemplarisch auf, wie sich das Turnen als Volkssport seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat. Ein paar Burschen aus dem Umkreis der Spinnerei Aathal machten sich 1896 auf die Suche nach einem Turnplatz. Die meisten von ihnen arbeiteten in der Fabrik oder lebten zumindest in der Arbeitersiedlung. Der damalige Fabrikant H. Wunderly stellte ihnen einen Platz sowie Reck und Barren zur Verfügung. Unter den Gründermitgliedern war der 1878 geborene Hermann Humbel, welcher in einem Rückblick über sein Leben festhält: «Da uns nur wenig Geld zur Verfügung stand, wurden alle Turngeräte von uns selbst erstellt.» Bei schlechter Witterung wich man zum Turnen vom Platz in den Saal des Restaurants «Schwanen» aus (heute «Alcatraz»). Dennoch musste während dem Winter das Turnen eingestellt werden, weshalb der Wunsch nach einem gedeckten Turnlokal bald aufkam. Da eine entsprechende Anfrage an den Gemeinderat Seegräben 1899 keine Wirkung zeigte, stellte der Fabrikant Fritz Streiff-Mettler 1902 einen «Turnschopf» zur Verfügung. Ab 1916 konnte das alte Gaswerk der Firma Streiff als «Turnhalle» benutzt werden (Grundfläche: 11.60 x 5.80m!). Der Boden war mit Sägemehl belegt.

Dass das Turnen noch heute einen wichtigen Stellenwert in der Ausbildung von Kindern einnimmt, zeigt sich auch daran, dass keine Schule mehr ohne Turnhalle erbaut wird. Durch die weite Verbreitung und die gesellschaftliche Akzeptanz entwickelte sich das Turnen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts zu einem Breitensport.

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