Neujahrsblatt der Zürcherischen Hülfsgesellschaft 1817.

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Siebzehntes Neujahrsblatt der Zürcherischen Hülfsgesellschaft. Für die menschenfreundliche Jugend unsrer Vaterstadt. 1817.
Das Originalblatt stammt aus der Sammlung der Graphischen Abteilung der Zentralbibliothek Zürich.

Beschreibung des Stiches

Der Kupferstich zeige eine Haushaltung, wie sie «in unsrem nähern und entferntern Vaterlande gegenwärtig wohl bey Tausenden» zu finden sei. Der Winter sei hereingebrochen, in einem sparsam gewärmten Raum harrte die Mutter zusammen mit ihren Kindern der Rückkehr des Hausvaters. Der Raum sei von allen Geräten entblösst und dürftig eingerichtet. «Mit schwerem Herzen vertröstete sie wohl schon lange die um Speise rufenden Kinder auf dieselbe. Die älteste Tochter ist allein beschäftigt. Neben der Grossmutter steht das leere Baumwollenrad; für Leute, die eine andre Arbeit, als an diesem, gekannt haben, und im hohen Alter keine andre mehr lernen können, ist es oft unmöglich, gegenwärtig solche zu finden. Sie hat die Hände gefaltet. Vielleicht flehte sie zu Gott, aus diesem Zimmer sie abzurufen. Jetzt tritt der Vater herein, auf seinem Rücken eine dürftige Holzbürde, mühsam unter dem Schnee zusammengesucht, in seiner Hand die einfache Nahrung, auf welche die hungernden Kinder mit Ungestüm losstürzen. Vielleicht ist sie der Ertrag der ganzen Wochenarbeit der Haushaltung; und dennoch, so gering wohl dem verwöhnten Städter das grobe Brot erscheint; so hätte der Künstler, getreuer der Wirklichkeit, ein noch geringeres Nahrungsmittel in seine Hände gelegt; denn selbst in manchem Hause, wo die Armuth noch bey weitem nicht auf den höchsten Gipfel gestiegen, ist wohl das erquickende Brot schon lange von den Tischen verschwunden.»

Beschreibung der Armut

In einigen Gegenden des Kantons dürfe nur noch von «Not» gesprochen werden, wenn die Unglücklichen zu verhungern drohten. Wenn einem Haushalt nur Betten, Kleider, Gegenstände zur Reinlichkeit und die Möglichkeiten zur Krankenpflege fehlten, handle es sich um ein «leidliches» Schicksal. In diesen Wohnungen fehlte es den Alten an Kleidern, um die Kirche zu besuchen und die Kinder blieben der Schule fern.

Beschreibung der Armut nach Gruppen

In den südöstlichen Bergtälern gelangte nur ein Teil der Ernte zur Reife. Viele Bauern bestritten ihren Unterhalt aus dem Ertrag ihres Bodens und zahlten ihre Zinsen mit Spinnen und Weben. Ihre Grundstücke seien stark und unverhältnismässig hoch belastet. Die harte Landarbeit halte sie zu einem sittlichen Lebenswandel an, dazu komme die Religiosität. «Kaum wird ihnen mehr als das Saatkorn übrig bleiben. Sie haben zu viel Ehrgefühl, um zu betteln.»

Die arbeitslustigen Spinner und Weber hatten von Woche zu Woche mit sinkenden Löhnen zu kämpfen. Sie kämpften gegen die steigende Not. «Hunger und Gram ist aus ihrem Antlitz ausgedruckt. Nur wenige Stunden gönnen sie dem Schlaf, um ihr trauriges Daseyn durch angestrengte Arbeit zu erhalten; aber sie müssten am Ende erliegen, wenn sie nicht Hülfe erhielten.»

Die niederste Klasse bildeten die Bettler, welche durch den Genuss von Schnaps, Wein und Kaffee, die häufige Benutzung von Schweissbädern und das Zusammenleben auf kleinstem Raum alles «Ehrgefühl für das Höhere» verloren hätten. «Glücklich sind hier die Kinder, welche das väterliche Haus verlassen und unter bessere Menschen kommen.»

Die Bewohner der Städte hätten «unter dem Drucke der gegenwärtigen allgemeinen Theurung verhältnismässig vielleicht am meisten» gelitten. Der Mangel an Bargeld machte sich bemerkbar: der Kapitalist erhielt keine Zinsen und der Wert der Grundstücke, auf denen die Kapitalien lagen, verloren an Wert. Der Handel der ergiebigsten Zweige stockte ohne Aussicht auf eine neue Blüte. Selbst der Reiche müsse sich einschränken. «Dies wirkt zurück auf den Künstler, den Handwerker, der für die Erzeugnisse seines Fleisses den frühern Absatz nicht mehr finden kann, während er doch alles Nothwendige doppelt so theuer, als in frühern bessern Zeiten bezahlen muss.» Wie bedenklich die Lage der Tagelöhner sei, «leuchtet von selbst ein».

Obwohl Mangel und Armut verbreitet waren, hatte die Not nur in den südöstlichen Bergtälern die höchste Stufe erklommen. Unter das Mitleid mischte sich zuweilen auch Unwillen, weil Leichtsinn und Verworfenheit viele Arme noch weiter ins Elend gestürzt hätten.

Das Weinland sei ohne eigenes Verschulden in den letzten Jahren verarmt – die Weinbauern hatten unter den schlechten Ernten zu leiden, und mit dem sinkenden Kredit stieg der Brotbedarf. Immerhin versuchten die verarmten Bauern, sich gut als möglich selbst zu helfen. Sie mussten zahlreiche Entbehrungen hinnehmen.

Der Autor wies nochmals auf die räumliche Ausdehnung der Not hin: Sie war in den industrialisierten Regionen und im Weinland am grössten. «Glücklicher scheinen diejenigen Bezirke zu seyn, in denen bisdahin noch der eigentliche Feldbau vorwaltete. Aber ungerechnet, dass unter diesen der eine und andre durch Ueberschwemmungen und Hagelschlag furchtbar heimgesucht ward, leiden dennoch auch sie unter dem allgemeinen Geldmangel, den Drangsalen der Zeit und der Theurung, und der allfällige Vortheil des theurern Verkaufs der gewonnenen Früchte fällt oft mehr in die Casse des reichen und eigennützigen Wucherers und Aufkäufers, als des biederen Landmannes, der im Schweisse seines Angesichts seinen sparsamen Jahresertrag einerntete, um sich denselben von den lauernden Dorfgewaltigen um den halben Preis ablisten oder abtrotzen zu lassen.»

Massnahmen zur Unterstützung der Armen

«Vor allem aus fordern wir euch auf, auch die gegenwärtige bedenkliche Lage des Vaterlandes als eine wohlthätige Schickung Gottes anzusehen.»

Bereits im Sommer 1816 erhielt die Hilfsgesellschaft zahlreiche Gaben, um den dürftigsten Menschen helfen zu können. Die Gesellschaft bildete eine Kommission, um die Wünsche der Spender bei der Verteilung der Gaben berücksichtigen zu können. Sie setzte sich mit der Almosenpflege, Geistlichen, der Hilfsgesellschaft in Winterthur und Vereinen von Kaufleuten in Verbindung, um die Hilfe koordinieren zu können.

Die Kommission erhielt 1268 fl., Reis und Mehl. Am Ende des Jahres hatte sie bereits 879 fl. verteilt, teils in Lebensmitteln, teils in Kleidern. Verschiedene Stadtgeistliche hatten rund 4000 fl. in die bedrängtesten Gemeinden geschickt; die Musikgesellschaft hatte bei einem Konzert 700 fl. eingenommen – die Hälfte der Gaben erhielt die Armenpflege der vier Stadtgemeinden, die andere Almosenpflege des Kantons. Letztere hatte wiederum 425 Mütt Kernen oder Mehl und 2780 Pfund ausgeteilt. Die Regierung hatte der Almosenpflege 700 Soldatenüberröcke zur Verfügung gestellt, um die kleiderlosen Armen zu unterstützen. Auch die Hilfsgesellschaft in Winterthur erhielt viele Kleider.

In Winterthur bildeten einige Kaufhäuser einen Verein, um die Armen in der Gemeine Sternenberg helfen zu können. Sie schickten wöchentlich mehrere Zentner Baumwolle in die Gemeinde, liess die Baumwolle spinnen, um die Menschen beschäftigen zu können und zahlte ihnen einen kärglichen Verdienst. Den Verlust teilten die Kaufhäuser. Neben seiner wohltätigen Absicht achtete der Verein darauf, die Fabriken nicht weiter zu schwächen. «Diese Unterstützung wollen sie 6 Monathe lang fortdauern lassen, wodurch der bedrängten Gemeinde von 4000 fl. zufliessen wird.» In Zürich bildete sich ein ähnlicher Verein, der die Armen in einer anderen Gemeinde auf die gleiche Art unterstützte.

«Vielleicht möchte man hier einwenden, dass es unzweckmässig sey, auf diese Weise das Volk der Spinner wieder auf‘s Neue an einen Erwerbszweig zu gewöhnen, der nun doch einmahl durch die Erfindung der Maschinen zu Grunde gerichtet sey; allein es ist nicht die Rede davon, jungen und gesunden Leuten Arbeit am Baumwollenrad zu geben, sondern nur die zahlreiche Classe der Entkräfteten, Alten und durchaus Ungeschickten, die nun einmahl nichts anders treiben und lernen können, durch den theuern Winter zu schleppen und vor völligem Müssiggange zu verwahren.» Es sei die Aufgabe einer Kommission der Regierung, neue Erwerbszweige einzuführen. «Auf einmahl lässt sich so etwas nicht wie durch einen Zauberschlag bewerkstelligen, am wenigsten in Zeiten grosser Theurung und des Mangels an Lebensmitteln.»

In Zürich sei bisher noch niemand Hungers gestorben, die Not sei aber längstens nicht behoben. Die Bemühungen der Hilfsgesellschaft dürften deshalb nicht nachlassen. In dem Artikel wurden die Leserinnen und Leser aufgefordert, sich selbst etwas zu versagen und es zu spenden. Es sollten nur Personen unterstützt werden, die sich nicht dem Müssiggang hingaben. «(…) der Liederliche, der Bettler muss in diesen für ihn wahrhaft wohlthätigen Zeiten sich anstrengen lernen, oder ohne Gnade verhungern; aber den Jammer der Kranken, die Thränen der Wittwe, die Seufzer der Waisen, das klagende Stammeln schuldloser Kinder hört und sieht und zählt der Allwissende. Er, der in‘s Verborgene blickt, segnet ihre Wohlthäter und nur die thätige Liebe zu unsern Brüdern wird einst die Menge unsrer Sünden bedecken.»

Lehren aus der Teuerung

Die Ursachen der Not sollten die Menschen bei sich selbst suchen; die Teuerung sei eine Warnung zur Besserung. Sorglosigkeit habe vieles zur Not beigetragen. In den Bergtälern hätte die Bewohner in Zeiten des Überflusses nichts zur Seite gelegt und verächtlich auf die Bauern geblickt, auf deren Gnade sie nun angewiesen seien. Die Kinder seien nicht zur Schule geschickt worden und schlecht erzogen. «Wir sind verweichlicht, feige, ungeschickt aus eigner Schuld.» Es wäre für die Fabrikarbeiter* ein Leichtes gewesen, einen anderen Verdienst zu finden, wenn sie frühzeitig auf den stockenden Handel reagiert hätten. «Es ist wahr, theure junge Freunde, nicht alle dieser Vorwürfe passen auf alle unglücklichen Bewohner jener Gegend, aber dennoch mögen wenige seyn, auf denen nicht wenigstens ein Theil derselben ruhte.»

* Heimarbeiter nannte man «Fabrikarbeiter», weil sich das System der Baumwollproduktion im Kanton Zürich selbst als „die Zürcher Fabriques“ bezeichnete.

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