Die Besteigung des Tambora 1847.

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Route der Besteigung des Tambora von Zollinger im Jahr 1847. Bildquelle: Grafische Bearbeitung einer Expeditionskarte (Grundlage ist die Karte von Heinrich Zollinger aus dem Jahre 1847/1855)


Den Vulkan Tambora hat ein Schweizer als erster und einziger 1847 bestiegen. Er verfasste darüber einen umfassenden Bericht, der auch heute noch von Vulkanologen als die erste Publikation über einen Supervulkan bezeichnet und zitiert wird. Dass der Vulkan, der 1815 ausbrach, im Sommer 1816 die letzte Hungerkrise der Schweiz ausgelöst hatte konnte Zollinger weder ahnen noch wissen.

Der Vulkan hatte sich abgekühlt, als Zollinger den Rand der sechs Kilometer weiten Caldera erreicht hatte. Nur ein Helfer begleitete den Forscher bis ans Ziel. Einheimische wagten sich nicht ins Reich der Götter. Was wissen wir über diesen abenteuerlustigen Mann?

Heinrich Zollinger war Sekundarlehrer in Horgen und Herzogenbuchsee, studierte in Genf Botanik und versuchte 1842-1848 sein Glück als Forscher in der holländischen Kolonie Java. Im Auftrag des damaligen Generalgouverneurs erkundete er das unbekannte Ostjava und das Innere der weitgehend unerforschten Nachbarinseln Bali und Lombok.

Auf Sumbawa – der dritten, östlich von Java gelegenen Insel – bestieg er den 2700 Meter hohen Vulkankegel des Tambora. Dieser war 1815 ausgebrochen und hatte in einer gewaltigen Explosion mehr als einen Drittel seiner ursprünglichen Höhe verloren. In der grössten Vulkankatastrophe aller Zeiten waren auf Sumbawa und den Nachbarinseln mehr als 70000 Opfer zu beklagen. Dieser Ausbruch wurde ein Jahr später in einer globalen Abkühlung und lokalen Witterungsextremen wirksam.

1816 – das Jahr ohne Sommer

Der Vulkan hatte gewaltige Mengen an Schwefel in die Stratosphäre geschleudert und verursachte im darauf folgenden Jahr einen, teils drastischen Temperaturrückgang im Sommer in Zentraleuropa, häufig Schnee bis in die Niederungen in der Schweiz, eine Dürre in Spanien, Frost im Juli 1816 in Nordamerika und Kanada. Davon wusste Zollinger nichts. Er war 1818, ein Jahr nach dem Höhepunkt der Hungerkrise in Feuerthalen geboren worden; die Familie war von Fällanden am Greifensee dorthin gezogen.

Zollinger schrieb von Heimweh in sein akribisch geführtes Tagebuch, als er den Kraterrand erreicht hatte. Die Landschaft erinnerte ihn an die Schweizerberge und die  Blumen am Vulkan an das Edelweiss. In der Inselwelt des Sundabogens wachsen die Verwandten der Alpen-Edelweiss in Höhen über 2000 Meter, sind heute aber vom Aussterben bedroht. Sie sind ebenso symbolträchtig als Java-Edelweiss bekannt und werden «bunga abadi – Ewige Blume» genannt. Den Namen hat diese weisse Blüte vom berühmten Botaniker Alphonse de Candolle, dem Genfer Lehrer von Zollinger, erhalten – oder sogar von Zollinger selber.

2016 – Schneesommer und Heisshunger

Die Kulturkommission des Zürcher Oberlandes erinnert im kommenden Jahr in einem umfassenden Projekt an die letzte Hungerkrise im Oberland und der Ostschweiz. Neben einem  Rahmenprogramm wird die Ausstellung «Schneesommer und Heisshunger» nach der Schuld des Vulkans an der Hungerzeit fragen. Über diese neuesten Erkenntnisse zum Tambora – auch zu den Klimawirkungen des Ausbruchs –  erfahren die Besucher der Ausstellungen im Ritterhaus Bubikon in ausführlichen Lesebüchern und an der ETH Zürich in der Ausstellung fokusTerra.

Mehrere Expeditionen haben seit der Erstbesteigung Zollingers am und im Tambora geforscht: Holländer, Russen, Engländer, Deutsche, Amerikaner. Die Tambora-Caldera zählt mit über 1300 m Tiefe zu den tiefsten Einsturzkratern der Erde und ein Abstieg auf den Kraterboden ist extrem gefährlich. Nach Auskunft verschiedener Wissenschafter schläft der Vulkan keineswegs; so sind 2011 und 2013 Anzeichen einer verstärkten Aktivität beobachtet worden. Im gewaltigen Kessel ist nach dem verheerenden Ausbruch von 1815 ein kleiner Vulkankegel entstanden: Das Kind des Tambora wurde «Doro Api Toi» getauft.

Ein glückloser Schweizer Forscher

Heinrich Zollinger wusste nichts vom Zusammenhang zwischen Vulkanausbruch, Witterungsextremen und der Hungerkrise – diese war nach 1817 schnell verdrängt. Zollinger wurde weder als Forscher in den Kolonien noch als Lehrer in der Schweiz glücklich. In Holland war er ein unbekannter Pflanzensammler aus den Alpen und in der zürcherischen Kantonshauptstadt war er ein unbekannter Naturforscher in holländischen Diensten. Das wissenschaftliche Establishment der Universität Zürich ignorierte ihn weitgehend. Die Seidenfabrikanten vom Zürichsee hingegen unterstützten ihn tatkräftig. Sie hofften auf neue Absatzmärkte oder Produkte. In Java hatte er einen Konkurrenten: Der deutsche Arzt und Naturforscher Franz Wilhelm Junghuhn (1809-1864) forschte auf der gleichen tropischen Insel.

Zollinger liebte es frei zu sein und ausserhalb von grauem Schulalltag oder der schwerfälligen Zürcher Bildungspolitik fremde, exotische und unbekannte Welten zu erforschen. Er hatte einige «Weisse Flecken» auf dem Globus mit Erkenntnissen und eigenhändig gezeichnetem Kartenmaterial gefüllt. Seine Vorbilder waren die  Universalgelehrten Johann Wolfgang Goethe und Alexander von Humboldt. Auf seinem unten gezeigten Portrait wird auch Goethe zitiert: «Grau, theurer Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldener Baum!» Nach dem «Züriputsch» von 1839 reiste Zollinger nach Java, kehrte jedoch 1848 frustriert von dort zurück. Er wurde im «System Escher» zum Seminardirektor in Küsnacht ernannt und hatte eine ehemalige Schülerin geheiratet. Dennoch wanderte Zollingers junge Familie 1855 endgültig nach Hinterindien aus. Zürich und das Bildungswesen war ihm grau geworden.

Trotzdem weltberühmt geworden

Zollinger hatte eine grosse Länderkunde von Java verfassen wollen, wurde jedoch krank und starb 1859 mit nur 41 Jahren während eines Kuraufenthalts in den Bergen Ostjavas. «Humboldt von Java» wurde sein Konkurrent Junghuhn. Dieser hatte über mehr finanzielle Mittel verfügt. Heinrich war ihm stets aus dem Weg gegangen.

Heinrich Zollinger ist dennoch berühmt geworden: Heute zitieren weltweit Vulkanologen seinen Bericht zum Ausbruch des Vulkans und zur Besteigung. Seine Karte von Sumbawa war lange Zeit das beste Kartenwerk der abgelegenen Insel. Zollinger war auch ein bedeutender Pflanzengeograf gewesen. In diesem Feld hatte er bis heute gültige Erkenntnisse publiziert. Zurecht steht Zollingers Büste im Alten Botanischen Garten von Zürich. Seine Lehrerfreunde – unter anderem der Ustermer Heinrich Grunholzer – haben sie nach seinem Tod dort aufstellen lassen.

 

Link: http://www.focusterra.ethz.ch/  Ausstellung ab 1.6.2016 und Vorträge im September-Dezember 2016.

 

Weiterführende Links

Ascheausfall_Bericht-Zoll_6

Der Ascheausfall des Tamboraausbruchs vom April 1815. Quelle: Bericht von Heinrich Zollinger, ETHZ.

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